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Ostergeschichten







Wie Heinrich von Eichenfels zur Erkenntnis Gottes kam
     ( Christoph von Schmid)


     


9. Kapitel:

"Die Quelle und der Regen"

Indes neigte sich die Sonne zum Untergange; die Blumenbeete des Gartens lagen im Schatten. Einige Blumen, die Menrad vorzüglich liebte, waren an der Sonnenhitze etwas welk geworden. Obwohl er auf baldigen Regen hoffte, so wollte er dennoch aus weiser Vorsicht wenigstens seine Lieblingsblumen etwas begießen. Er nahm seine Gießkanne, führte den Knaben an der Hand und ging zur Quelle, die reichlich aus einem großen, mit Moos bewachsenen Felsen hervorbrach.

Heinrich schlug vor Erstaunen die Hände zusammen. ,,Welch eine Menge Wasser das ist,"rief er, ,,die da aus dem Steine herausrinnt! Alle Augenblicke meine ich, es müsse aufhören und immer fließt es gleich stark fort. Wer hat doch die Menge Wasser oben hineingegossen, und wo nimmt man Wasser genug her, nachzufüllen? – Du solltest die Öffnung verschließen und das Wasser mehr sparen; sonst geht es dir aus."Menrad sagte ihm, daß dieses Wasser wohl schon so lange, als die Sonne leuchte, in einem fort ohne Aufhören da heraus fließe, niemals abnehme und keines Auffüllens bedürfe. Er sagte ihm, daß der ganze See, den Heinrich für einen ungeheuer großen Spiegel angesehen hatte, nichts sei, als lauter Wasser. Das waren dem Kleinen wieder neue Wunder.

Menrad kehrte mit der gefüllte Kanne zurück, und fing an, seine Blumen zu begießen. ,,Ach, was machst du da?"sagte Heinrich, ,,da verdirbst du ja deine Blumen; jetzt wird die Farbe abgehen."Menrad sagte lächelnd, daß Blumen und Kräuter, Kornhalme und Reben, Sträuche und Bäume, die auch auf eine gewisse Art lebten, das Wasser so notwendig hätten, als der Mensch das Trinken. ,,Aber,"sagte Heinrich, ,,wer kann denn allen diesen Gewächsen genug Wasser zutragen? Wer steigt da hinauf und begießt die Bäume hoch dort droben auf der Spitze jenes Berges?"Menrad sagte ihm: ,,Dafür ist schon gesorgt. Auf welche Art, siehst du vielleicht eher, als wir denken!"fügte er noch hinzu, indem er nach dem Gewölbe blickte.

Nach einer Weile kam wirklich eine Wolke über den Berg her, und es fing an, erst sehr sanft und dann sehr stark zu regnen. Das war für Heinrich abermals eine wunderbare Erscheinung. ,,Das ist eine gute Einrichtung,"sagte er; ,,sie erspart dir viele Arbeit. Das Wasser fällt so schön, in tausend und tausend Tropfen herab, als käme es aus einer Gießkanne. – Aber wer ließ denn diese Wolke, wie du das wunderliche Ding nennest, kommen? Wer brachte das Wasser da so hoch hinauf? Wie kommt's doch, daß diese Wolke so frei schwebt, und nicht herunterfällt?"– ,,Das sollst du schon noch hören!"sagte Menrad. Der Kleine sah aber dem Gewölke noch lange zu, bis es sich verzog und der Himmel wieder hell und blau wurde.

Unter dem Anstaunen lauter neuer Gegenstände unter Freude und Bewunderung kam dem Knaben der Tag sehr schnell herum. Denn hundert Dinge, die andere Menschen aus Gewohnheit gleichgültig ansehen – ein goldgrünes Käferlein, das auf einem Rosenblatte saß; ein gestreiftes Schneckchen, das nach dem Regen am Baumstamme hinaufkroch; die funkelnden Tropfen, die gleich Diamanten an allen Blättchen hingen; eine Grasmücke, die auf einem Baumzweige ihr herrliches Abendlied anstimmte, und dann munter von Baum zu Baum flog; die Ziegen des Einsiedlers, die gegen Abend aus den Bergen zurückkamen – waren dem Kleinen höchst wundervolle Erscheinungen, und gaben Anlaß zu mancherlei Fragen und Antworten.

Endlich ging die Sonne jenseits des Sees unter. ,,Oh, weh«, rief Heinrich erschrocken, ,,jetzt taucht sich die Sonnenlampe dort in das Wasser; dann lischt sie aus, und alle unsere Freude hat ein Ende. Wenn wir gleich eine Lampe anzünden – die wird uns in diesem großen, weiten Raum wenig helfen.«

Vater Menrad beruhigte ihn. ,,Hab' keine Sorge«, sprach er. ,,Jetzt gehen wir bald schlafen. Dazu brauchen wir kein Licht. Bis wir ausgeschlafen haben, kommt die Sonne dort auf der entgegengesetzten Seite zwischen jenen Bergen wieder herauf. So lauft sie, ohne nur einen Augenblick stille zu stehen, beständig im Kreise umher, und erleuchtet und erwärmt alles.«




10. Kapitel:

"Die wichtigste Frage und die richtigste Antwort"

Heinrich kam auf seine alten Fragen zurück, die der weise Mann mit Vorsatz nicht sogleich beantwortet, sondern vielmehr die Wißbegierde des Knaben noch immer mehr gereizt hatte. ,,Ja, was macht denn«, fragte er wieder, ,,daß die Sonne immer so lauft? Und wer hat dieses große, schöne Gewölbe da oben gebaut, und es so schön blau bemalt? Wer hat das viele Wasser in jenen Felsenstein dort eingeschlossen, daß es so reichlich und ohne Aufhören herausfließt? Wer leitet den Lauf der Wolken, daß sie so frei in der Luft herbei schweben, und alle Gewächse mit so unzähligen funkelnden Tropfen befeuchten? Wer lehrte die Vögel, ohne daß sie eine Flöte haben, so schöne Lieder spielen? Wer hat Blumen und Bäume in so kleine Körnlein verborgen, daß sie, an Ort und Stelle, wo wir es haben wollen, herauskommen, den Boden weit und breit mit einem Teppiche von Gras und Blumen bedecken, und uns mit so herrlichen Geschenken überhäufen? Wer hat alles so schön eingerichtet?«

,,So meinst du denn wirklich,"sagte Vater Menrad, ,,daß jemand sei, der diese schöne Einrichtung gemacht habe?«

,,O ja freilich,"sagte Heinrich, ,,das ist ganz gewiß. Wer daran zweifeln wollte, müßte ja gar keinen Verstand haben. Die Männer in der Höhle mußten lange arbeiten, wenn sie dieselbe nur ein wenig vergrößern wollten. Einmal wollte die Höhle gar einfallen, und da hatten sie viele Mühe, sie zu stützen. Und an diesem schönen, großen Gewölbe sieht man nicht einmal einen Pfeiler! Unsere Lampe in der Höhle zündete sich nicht von selbst an, und wenn wir nicht im Finstern sitzen wollten, mußten wir wohl auf sie achTaben, und immer frisches Öl nachgießen. Und das Wassergefäß mußte auch immer frisch gefüllt werden, wenn wir nicht Durst leiden wollten. Was eine einzige Blume auszuschneiden für Mühe kostet und was für ein richtiges Augenmaß man haben müsse, weiß ich gar gut. Daß dieß alles, was wir hier herum erblicken, nicht von Menschenhänden könne gemacht sein, begreife ich wohl. Wer aber derjenige sei, der dieses alles gemacht habe, das möchte ich eben wissen.«

Jetzt, als der Knabe von der Größe, Schönheit und weisen Einrichtung der Welt so lebhaft gerührt, und von der Menge der Wohltaten, die überall seinen Blicken begegneten, gleichsam überwältigt war, und von Wißbegierde brannte, inne zu werden, wer denn dieser große Wohltäter sei, von dem alles herrühre – jetzt war der Augenblick gekommen, da der ehrwürdige Greis zu dem Knaben von Gott, von Gottes Allmacht, Weisheit und Güte reden konnte. Mit tiefer Ehrfurcht, mit gerührter Stimme, mit Augen voll Tränen sagte ihm der Greis, daß Heinrich recht habe, daß Einer sei, der dieses alles gemacht habe, und daß man diesen Allmächtigen, Allweisen, Allgütigen, der alle Dinge hervorgebracht und der auch den Menschen das Leben gegeben habe – Gott, unsern lieben Vater im Himmel, nenne.

Wie es dem Knaben diesen Morgen gewesen, als ihm die Sonne das erste Mal aufging und mit ihren lieblichen Strahlen alles rings umher vergoldete – so, ja noch wunderbarer war es ihm jetzt zu Mut. Der Gedanke an Gott ging gleichsam als eine Sonne in seinem Innern auf, die von innen heraus erleuchtete und erwärmte, und ihm die ganze Welt umher in einem schönern, freundlichern Lichte, als einen Inbegriff von unzähligen Wohltaten eines liebevollen Vaters sehen ließ.

,,Ja, liebes Kind,"fuhr Menrad fort, als er die Rührung des Knaben bemerkte, ,,Gott ist derjenige, der alles, was du siehst, gemacht hat. Er hat jenes schöne, blaue Gewölbe, das wir Himmel nennen, gebildet. Er hat die Sonne angezündet, und leitet ihren Lauf; nicht nur enthüllt sie uns die Wunder seiner Werke und leuchtet uns bei unsern Geschäften; an ihren warmen Strahlen werden auch die Früchte reif und ausgekocht, wie die Speisen an dem Feuer. Er läßt reichliches Wasser aus der Erde hervorquellen und aus den Wolken herabtröpfeln, uns zu tränken und alles zu erfrischen. Er breitete auf unserm Fußboden den farbigen Teppich von Gras und Blumen aus. Er gab den Blumen Farbe und Wohlgeruch. Er gibt uns aus der rauhen Erdscholle reichliches Brot, und läßt aus den Bergen köstlichen Wein für uns hervorrinnen. Er beladet die Äste der Bäume mit Früchten aller Art; er läßt uns in den grünen Tälern gleichsam Bäche von Milch fließen, und Felsen und hohle Bäume von Honig triefen. Er schuf den Baum, der uns mit seinem Schatten kühlt, und mit seinem Holze wärmt. Er lehrt die Vögel ihre Lieder, mit denen sie uns erheitern. Er bekleidete das Lamm, das hier zu deinen Füßen ruht, mit zarter Wolle, aus der dein und mein Kleid gemacht ist. Er gibt uns alles, was wir zur Wohnung und zum Nachtlager bedürfen. Er macht alles so schön, damit wir Freude an seinen Werken haben, und ihn lieben, und dereinst zu ihm kommen möchten – in noch viel schönere Gegenden, als du hier um uns her erblickest, wo wir dann bei ihm noch größere Freuden haben werden. Und obwohl wir ihn jetzt noch nicht sehen können, so sieht er doch uns überall, und hört jedes unserer Worte, und weiß sogar unsere Gedanken. Mit ihm können wir jeden Augenblick reden. Er leitet alle unsere Schicksale. Er erlöste dich aus jener Höhle und ließ dich auf den Armen zu mir hieher tragen. Er ist unser größter Wohltäter, unser bester Freund, unser liebreichster Vater.«

Heinrich hörte dem frommen Greis mit der größten Aufmerksamkeit und mit gerührtem Herzen zu, und verwandte kein Auge von ihm. Es war unter diesem Gespräche Nacht geworden, ohne daß der Kleine darauf geachtet hätte. Der Mond, der vorhin als ein kleines, kaum bemerkbares Wölklein am Himmel schwebte, leuchtete jetzt im reinsten Glanze, und stand, von unzähligen, hellfunkelnden Sternen umgeben, hoch über dem See. Der See glich einem hellen Spiegel und man glaubte darin einen zweiten Himmel mit Mond und Sternen zu entdecken, und in die Unendlichkeit zu blicken. Kein Blättchen der Bäume umher regte sich; es herrschte eine feierliche Stille. Ein neues, noch nie empfundenes Gefühl, das Gefühl der Andacht, der Anbetung, der Nähe Gottes regte sich in Heinrichs Herzen. Und nun faltete der ehrwürdige Greis die Hände und blickte zum Himmel und betete dem Knaben vor – und auch der Kleine erhob seine Händchen das erste Mal zum Himmel und sprach ihm jedes Wort nach. Die Tränen flossen dem guten Knaben reichlich über die Wangen, daß der Gott, den er bisher nicht kannte, ihm dennoch schon so viel Gutes erwiesen habe. Und als der Greis das Gebet vollendet hatte, setzte Heinrich zur großen Freude des frommen alten Mannes aus eignem Antriebe noch hinzu: ,,Ich danke dir auch noch, lieber Gott, daß du mich aus meiner finstern Höhle befreit und zu diesem guten Manne geführt hast, der mir so viel Schönes und Erfreuliches von dir erzählte.«

Vater Menrad nahm hierauf den Knaben bei der Hand, und führte ihn in seine Zelle. Hier machte er ihm ein Nachtlager von weichem Moose, über das er einen Teppich breitete, und deckte den Knaben mit seinem eigenen Mantel zu.



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